„Aham Brahmāsmi – Sākṣī Bhāva“ – Das Mantra der ununterbrochenen Erinnerung
Es gibt Worte, die informieren. Es gibt Worte, die inspirieren. Und es gibt Worte, die den Geist verwandeln. Ein Mantra gehört zur dritten Kategorie. Es vermittelt nicht bloß Wissen, sondern richtet den Geist immer wieder auf die Wahrheit aus. Es ist ein Anker, der das Bewusstsein davor bewahrt, in den Strömungen des Samsara fortgerissen zu werden.
Nach reiflicher Überlegung habe ich für meinen eigenen Weg ein Mantra gewählt, das den Kern des Advaita Vedānta in zwei kurzen Sätzen zusammenfasst: „Aham Brahmāsmi – Sākṣī Bhāva.“ „Ich bin Brahman. Verweile als Zeuge.“ Dieses Mantra soll mich fortan durch den gesamten Tag begleiten – nicht nur während der Meditation, sondern in jedem Augenblick meines Lebens. Es soll mir zur ständigen Erinnerung werden, wer ich in Wahrheit bin, und mich dazu verpflichten, aus dieser Erkenntnis heraus zu denken, zu sprechen und zu handeln.
In der christlich-orthodoxen Tradition berichtet der Russische Pilger von einem Wanderer, der unaufhörlich das Jesusgebet wiederholt: „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme Dich meiner.“ Anfangs spricht er das Gebet bewusst und mit Anstrengung. Mit der Zeit wird es zu einem ununterbrochenen inneren Strom, bis es schließlich scheinbar von selbst im Herzen erklingt. Das Gebet wird nicht länger nur gesprochen – es wird zum natürlichen Zustand seines Geistes. Gerade diese Praxis hat mich inspiriert. Denn auch im Advaita Vedānta geht es letztlich um eine fortwährende Erinnerung an die Wahrheit. Nicht die Worte besitzen magische Kraft. Die Verwandlung geschieht dadurch, dass der Geist immer wieder zu seiner wahren Natur zurückgeführt wird.
Der erste Teil meines Mantras lautet „Aham Brahmāsmi“ (अहम् ब्रह्मास्मि). Dieser große Ausspruch stammt aus der Bṛhadāraṇyaka Upanishad (1.4.10) und gehört zu den vier Mahāvākyas, den großen Erkenntnissätzen der Upanishaden. Er ist keine philosophische Behauptung und keine religiöse Glaubensaussage. Er ist die unmittelbare Erkenntnis der Wirklichkeit. Nicht der Körper spricht diese Worte. Nicht der Verstand. Nicht die Persönlichkeit. Nicht die Biografie. Es ist das reine Bewusstsein selbst, das seine eigene Natur erkennt. „Aham Brahmāsmi“ bedeutet nicht: „Ich werde eines Tages Brahman werden.“ Es bedeutet vielmehr: „Ich war niemals etwas anderes.“ Mit jeder Wiederholung richte ich meinen Blick neu aus. Weg vom Schauspiel – hin zum Zuschauer. Weg von der Figur – hin zu dem Bewusstsein, in dem die Figur erscheint.
Der zweite Teil des Mantras ergänzt den ersten auf vollkommene Weise: „Sākṣī Bhāva“ (साक्षी भाव) – „Verweile als Zeuge.“ Denn es genügt nicht, die Wahrheit verstanden zu haben. Sie muss gelebt werden. Der Geist wird täglich versuchen, mich erneut mit dem Avatar zu identifizieren. Er wird mich in Diskussionen hineinziehen, Nachrichten dramatisieren, Wünsche erzeugen, Ängste nähren, Kränkungen sammeln und Geschichten erzählen. Immer wieder wird er behaupten: „Das bist du.“ Genau deshalb folgt auf die Erkenntnis „Aham Brahmāsmi“ unmittelbar die praktische Anweisung: „Sākṣī Bhāva.“ Bleibe der Beobachter – nicht das Beobachtete. Verweile als das unveränderliche Bewusstsein, in dem alle Gedanken, Gefühle und Erfahrungen kommen und gehen.
Das Mantra besitzt für mich jedoch noch eine weitere, äußerst wertvolle Funktion. Es macht meinen täglichen Kampf mit Samsara sichtbar. Jede Wiederholung ist zugleich eine stille Standortbestimmung. Bin ich noch als Zeuge gegenwärtig, oder hat mich die Welt bereits unbemerkt in ihr Drama hineingezogen? Lebe ich noch aus der Erkenntnis „Ich bin Brahman“, oder identifiziere ich mich bereits wieder mit dem Jīva (जीव), dem scheinbar individuellen Wesen, das lacht, leidet, hofft, fürchtet und um seine Zukunft kämpft?
Dadurch wird das Mantra zu einem Spiegel meines Bewusstseinszustandes. Es deckt schonungslos auf, wann ich meine wahre Natur vergesse. Ich beginne zu erkennen, welche Situationen mich besonders leicht in die Identifikation ziehen. Sind es Kränkungen? Anerkennung? Angst vor Verlust? Der Wunsch nach Kontrolle? Politische Ereignisse? Nachrichten? Konflikte? Körperliche Beschwerden? Sorgen um die Zukunft? Oder ist es schlicht die Gewohnheit des Geistes, ständig Geschichten über ein vermeintliches „Ich“ zu erzählen?
Jeder dieser Momente offenbart einen Trigger – einen Angriffspunkt Mayas. Und genau darin liegt sein unschätzbarer Wert. Denn nur was erkannt wird, kann transzendiert werden. Solange die Identifikation unbewusst geschieht, bin ich ihr ausgeliefert. In dem Augenblick jedoch, in dem ich bemerke: „So zieht mich Maya gerade wieder in ihr Spiel“, beginnt sich der Bann bereits zu lösen. Das Mantra unterbricht den Automatismus. Es schafft einen Augenblick der Bewusstheit, in dem ich mich erneut für den Zeugen entscheiden kann.
Im Laufe der Zeit habe ich viele meiner stärksten Trigger kennengelernt. Ich weiß inzwischen recht genau, wodurch mein Geist besonders leicht aus seiner Mitte gerissen wird. Doch gerade diese Erkenntnis hat mich Demut gelehrt. Denn Wissen allein genügt nicht. Selbst wenn ich die Fallen kenne, bedeutet das noch lange nicht, dass ich ihnen nicht mehr erliege. Maya besitzt eine ungeheure Anpassungsfähigkeit. Je bewusster ich werde, desto subtiler scheint sie zu agieren.
Es ist fast so, als würde sie auf jeden Fortschritt reagieren. Gelingt es mir, die groben Formen der Identifikation zu durchschauen, erscheinen feinere. Lasse ich mich nicht mehr von offensichtlichen Begierden verführen, versucht sie es über Pflichtgefühl, über moralische Empörung, über spirituellen Ehrgeiz oder sogar über den Gedanken, bereits weit auf dem Weg fortgeschritten zu sein. Das Ego legt lediglich neue Gewänder an. Die Bühne verändert sich, doch das Ziel bleibt dasselbe: mich vergessen zu lassen, wer ich wirklich bin.
Gerade deshalb darf Wachsamkeit niemals in Selbstzufriedenheit übergehen. Der spirituelle Weg ist kein Kampf, der irgendwann endgültig gewonnen wäre. Solange Avidyā (अविद्या), die Unwissenheit, ihre subtilsten Wurzeln nicht vollständig verloren hat, bleibt Aufmerksamkeit erforderlich. Nicht angespannte Aufmerksamkeit, sondern stille, wache Präsenz. Das Mantra wird dadurch zu meinem treuen Begleiter, der mich immer wieder freundlich, aber unmissverständlich fragt: „Wer erlebt dies gerade? Der Jīva – oder das Bewusstsein, das den Jīva beobachtet?“
Die eigentliche Herausforderung des spirituellen Weges besteht nicht darin, die Welt zu bekämpfen. Die Herausforderung besteht darin, sich nicht von ihr hypnotisieren zu lassen. Die Weisen des Advaita haben dies seit Jahrtausenden gelehrt. Die Māṇḍūkya Upanishad macht deutlich, dass die Vielheit letztlich nur eine Erscheinung des Geistes ist. Die Chāndogya Upanishad verkündet mit dem Mahāvākya „Tat tvam asi“ – „Das bist Du“ –, dass das individuelle Selbst nichts anderes ist als die absolute Wirklichkeit. Die Aṣṭāvakra Gītā erinnert immer wieder daran, dass du weder Körper noch Geist bist, sondern das grenzenlose, unberührte Bewusstsein. Und das Yoga Vāsiṣṭha beschreibt die gesamte Welt als traumähnliche Erscheinung. Nicht weil sie überhaupt nicht erscheint, sondern weil sie keine eigenständige Wirklichkeit besitzt. Wie ein Traum wirkt sie vollkommen real, solange wir schlafen. Erst mit dem Erwachen erkennen wir, dass sich das gesamte Drama ausschließlich im Bewusstsein abgespielt hat.
Die Schriften verwenden dafür eindrucksvolle Bilder. Die Welt gleicht einer Fata Morgana in der Wüste, die Wasser verspricht, wo keines ist. Sie gleicht einer Schlange, die im Halbdunkel in einem Seil gesehen wird. Sie gleicht einer Stadt, die in den Wolken erscheint, ohne je erbaut worden zu sein. Und sie gleicht einem nächtlichen Traum, der beim Erwachen spurlos verschwindet. Immer wieder erinnern die Upanishaden daran, dass nur Brahman wirklich ist. Alles andere besitzt lediglich eine abhängige, geliehene Wirklichkeit. Wie Wellen nur Wasser sind, wie Tongefäße nur Ton sind oder Goldschmuck nur Gold ist, so ist auch das gesamte Universum nichts anderes als Brahman in scheinbarer Vielfalt.
Dennoch besitzt Maya eine erstaunliche Macht. Sie muss mich nicht mit Gewalt besiegen. Es genügt vollkommen, meine Aufmerksamkeit zu gewinnen. Ein Blick auf die Nachrichten. Eine politische Diskussion. Eine Kränkung. Ein Lob. Ein finanzieller Verlust. Ein persönlicher Erfolg. Schon beginnt die Identifikation erneut. Aus dem grenzenlosen Bewusstsein wird scheinbar wieder eine verletzbare Person. Aus dem Zeugen wird ein Schauspieler. Aus Freiheit wird Verstrickung. Genau deshalb ist mein Mantra kein religiöses Ritual und keine bloße Meditationsübung. Es ist ein Weckruf. Immer wieder. Unzählige Male am Tag.
Jedes Mal, wenn ich „Aham Brahmāsmi“ spreche, erinnere ich mich daran, dass ich nicht dieser vergängliche Avatar bin. Ich bin nicht die Geschichte meines Lebens. Ich bin nicht meine Gedanken. Ich bin nicht meine Emotionen. Ich bin nicht meine Rolle in dieser Welt. Ich bin das Bewusstsein, in dem all diese Erscheinungen auftauchen und wieder vergehen. Und wenn unmittelbar danach „Sākṣī Bhāva“ erklingt, weiß ich zugleich, wie diese Erkenntnis gelebt wird. Nicht durch Flucht vor der Welt. Nicht durch Gleichgültigkeit. Nicht durch Verdrängung. Sondern durch bewusstes Verweilen als Zeuge aller Erfahrungen.
Mit der Zeit soll dieses Mantra nicht mehr nur gesprochen werden. Es soll zu meiner inneren Grundhaltung werden. Vielleicht wird es eines Tages so selbstverständlich gegenwärtig sein wie mein Atem. Während ich gehe. Während ich arbeite. Während ich spreche. Während ich esse. Während ich meditiere. Während ich schweige. Dann erinnert nicht mehr der Verstand an Brahman. Dann lebt das Bewusstsein aus seiner eigenen Erkenntnis.
Dieses Mantra ist für mich weit mehr als eine spirituelle Übung. Es ist ein tägliches Gelübde. Mit jeder Wiederholung erneuere ich meine Entscheidung, den Pfad des Advaita konsequent zu gehen. Ich entscheide mich bewusst gegen die Hypnose der Welt und für die Klarheit des Zeugen. Ich entscheide mich gegen die Identifikation mit einer vergänglichen Persönlichkeit und für das Wissen um meine wahre Natur. Ich entscheide mich dafür, nicht länger als Schauspieler im Drama Mayas zu leben, sondern als stiller Zeuge inmitten aller Erscheinungen.
Aham Brahmāsmi. Sākṣī Bhāva.
Mögen diese wenigen Worte mich in jedem Augenblick daran erinnern, wer ich wirklich bin. Mögen sie mich wach halten, wenn Maya nach meiner Aufmerksamkeit greift. Mögen sie mir die Kraft schenken, standhaft auf meinem Pfad zu bleiben und nicht in der scheinbaren Wirklichkeit der wechselnden Welt zu versinken. Mögen sie mich lehren, in der unveränderlichen Realität Brahmans zu wandeln – jener einen Wirklichkeit, die niemals geboren wurde, niemals vergeht und die in Wahrheit mein eigenes Selbst ist.
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