Die Handlung des Dramas wird wilder
In meinem Geiste steck ich fest,
bin in ihm gefangen.
Er ist’s, der mich träumen lässt,
bin ihm ins Netz gegangen.
Bild um Bild lässt er mich schauen,
lässt mich jedes für wirklich halten:
all die Liebe, all das Grauen,
all die weltlichen Gewalten.
Sie zogen mich tiefer in die Show,
in Māyās virtuelle Welten,
bis ich schließlich ihr entfloh –
nichts soll die Illusion mir gelten.
Die Handlung des Dramas wird wilder,
immer schriller, bunter die Bilder.
All dies ist darauf angelegt,
dass sich in mir die Sehnsucht regt,
weiter durch den Traum zu laufen,
die nächste Staffel noch zu kaufen.
Doch dazu bin ich nicht bereit –
hab mich von der Daseinssucht befreit
Das Gedicht beschreibt den menschlichen Geist nicht als neutrales Werkzeug, sondern als Erzeuger einer Wirklichkeit, in der sich der Mensch schließlich selbst verfängt. Schon die ersten Verse setzen das zentrale Motiv: Der Geist lässt träumen, doch solange der Traum für Wirklichkeit gehalten wird, wird aus dem Träumen Gefangenschaft. Das „Netz“ ist dabei nicht die äußere Welt allein. Es ist vor allem die Identifikation mit den Bildern, Gedanken, Gefühlen und Geschichten, die im Bewusstsein erscheinen.
Besonders deutlich wird dies in der zweiten Strophe. „Bild um Bild“ erscheint auf der inneren Leinwand: Liebe und Grauen, Verheißung und Bedrohung, Schönheit und Gewalt. Das Problem liegt nicht darin, dass diese Bilder erscheinen, sondern darin, dass der Geist sie „für wirklich halten“ lässt. Hier berührt das Gedicht unmittelbar die Lehre des Advaita Vedānta: Māyā muss nicht bedeuten, dass überhaupt nichts existiert. Ihre bindende Macht liegt vielmehr darin, dass dem Erscheinenden eine Wirklichkeit zugeschrieben wird, die ihm aus sich selbst heraus nicht zukommt. Das Vergängliche wird behandelt, als wäre es dauerhaft; das Äußere, als könne es erfüllen; das Erlebte, als definiere es den Erlebenden.
Mit dem Bild der „Show“ und der „virtuellen Welten“ wird Saṃsāra in eine moderne Sprache übertragen. Die Welt gleicht einer gewaltigen Inszenierung, deren Wirkung davon abhängt, dass der Zuschauer vergisst, Zuschauer zu sein. Solange er vollkommen in die Handlung eintaucht, leidet und hofft er mit seiner Rolle. Erst wenn sich Sākṣī Bhāva zu stabilisieren beginnt, verändert sich das Verhältnis zum Geschehen. Die Bilder verschwinden nicht notwendig, doch ihre hypnotische Macht nimmt ab. Der Mensch erkennt: Das Drama erscheint vor mir – aber ich bin nicht das Drama.
Bemerkenswert ist, dass die Inszenierung gegen Ende nicht ruhiger, sondern „wilder“, „schriller“ und „bunter“ wird. Darin steckt eine präzise Beobachtung über Begehren. Saṃsāra erhält sich durch immer neue Reize. Eine Erfahrung genügt nicht; auf sie muss die nächste folgen. Eine Geschichte endet und eine neue beginnt. Was heute fasziniert, wird morgen gewöhnlich und muss durch etwas Intensiveres ersetzt werden. Das Bild der „nächsten Staffel“ bringt diesen Mechanismus treffend auf den Punkt: Das Drama verkauft nicht nur einzelne Erfahrungen – es erzeugt das Verlangen nach seiner eigenen Fortsetzung.
Dadurch erhält der Schluss seine eigentliche Tiefe. Die Befreiung besteht nicht bloß darin, eine bestimmte unangenehme „Staffel“ zu verlassen und eine angenehmere zu wählen. Sie beginnt dort, wo die Sehnsucht nach immer neuen Staffeln selbst durchschaut wird. Der Vers von der „Daseinssucht“bezeichnet deshalb mehr als gewöhnliche Lebenslust. Gemeint ist der tiefere Drang nach Werden, Erleben, Fortsetzung und erneuter Identifikation: noch eine Erfahrung, noch eine Rolle, noch eine Geschichte, noch eine Welt, in der das vermeintliche Ich seine Erfüllung sucht.
Das lyrische Ich sagt deshalb nicht: Ich möchte einen schöneren Traum. Es sagt sinngemäß: Ich habe erkannt, dass es ein Traum ist, und verweigere ihm die Macht, mich weiterhin durch Verlangen an seine Fortsetzung zu binden.
Damit beschreibt das Gedicht einen entscheidenden Übergang auf dem Weg der Erkenntnis: vom gefesselten Teilnehmer zum sehenden Zeugen, vom Jīva zum Sākṣī Bhāva, von der Faszination durch die Bilder zur Erkenntnis dessen, vor dem alle Bilder erscheinen. Māyās Film mag weiterlaufen. Doch der Zuschauer beginnt sich daran zu erinnern, dass er niemals eine Figur auf der Leinwand gewesen ist.