Das große Turnier – Das Leben als Spiel der Befreiung
Wenn ich vom Kampf gegen die Matrix oder gegen das System der Māyā spreche, darf eines niemals vergessen werden: Dieser Kampf findet nicht gegen eine äußere Macht statt. Er ist ein innerer Kampf – ein Ringen um Aufmerksamkeit, Erkenntnis und Freiheit.
Denn aus der Perspektive des Advaita Vedānta bin ich nicht ein kleines Wesen, das sich in einem feindlichen Universum behaupten muss. Mein eigentliches Wesen ist reines, unbegrenztes Bewusstsein. Alles, was ich Welt nenne – Körper, Gedanken, Gefühle, Begegnungen, Siege und Niederlagen –, erscheint innerhalb dieses Bewusstseins.
Māyā steht daher nicht als Gegner irgendwo außerhalb von mir. Ihr eigentliches Wirkungsfeld ist die Identifikation. Sie beginnt dort, wo ich das Erscheinende für das Wirkliche halte, das Vergängliche für das Bleibende und den Jīva, meine Person innerhalb des großen Welttheaters, für mein wahres Selbst.
Der entscheidende Kampf ist deshalb ein Kampf um meine Aufmerksamkeit.
Die kostbare Perle
Im Matthäusevangelium wird das Himmelreich mit einer kostbaren Perle verglichen, für deren Erwerb ein Kaufmann alles verkauft, was er besitzt. Für mich lässt sich dieses Bild auf eine besondere Weise verstehen: Diese Perle ist meine Achtsamkeit – genauer gesagt jene wache, nichtidentifizierte Gegenwärtigkeit, die ich als Sākṣī Bhāva bezeichne.
Sie ist kostbar, weil nahezu alles in der Welt um sie konkurriert.
Nachrichten wollen sie. Werbung will sie. Unterhaltung will sie. Konflikte wollen sie. Begierden wollen sie. Ängste wollen sie. Erinnerungen und Zukunftsphantasien wollen sie. Selbst vollkommen belanglose Gedanken vermögen sie für Minuten oder Stunden an sich zu binden.
Wohin meine Aufmerksamkeit geht, dorthin fließt ein Teil meines Lebens.
Darum besteht der Pfad nicht nur darin, bestimmte philosophische Wahrheiten zu verstehen. Er besteht darin, die Herrschaft über die eigene Aufmerksamkeit zurückzugewinnen und immer wieder in jene Position zurückzukehren, aus der Gedanken, Gefühle und Erfahrungen gesehen werden können, ohne dass ich mich vollständig in ihnen verliere.
Die Bhagavad Gītā kleidet dieses innere Ringen in die gewaltige Metapher eines Krieges. Arjuna steht auf dem Schlachtfeld von Kurukṣetra und muss handeln, obwohl er von Zweifel, Angst und innerem Widerstand überwältigt wird.
Für meinen eigenen Weg habe ich eine friedlichere Analogie gewählt.
Ich stelle mir mein Dasein als ein großes Tennisturnier vor.
Nicht weil Tennis irgendeine besondere spirituelle Bedeutung hätte, sondern weil dieses Bild etwas Wesentliches sichtbar macht: Entwicklung braucht Übung. Übung braucht Disziplin. Fortschritt braucht Herausforderungen. Und Herausforderungen müssen nicht als Störung des Weges betrachtet werden – sie sind der Weg.
Das Turnier
Stellen wir uns Mokṣa, die endgültige Befreiung aus der Bindung an Saṃsāra, als den Sieg eines großen Turniers vor.
Eine einzelne irdische Existenz zwischen Geburt und Tod entspricht dabei einem einzigen Ballwechsel.
Manche Ballwechsel sind kurz. Andere dauern lange. Manche verlaufen beinahe mühelos. Andere treiben uns bis an unsere Grenzen. Manchmal gelingt uns ein wunderbarer Schlag, manchmal begehen wir einen vermeidbaren Fehler. Gelegentlich trifft uns der Ball sogar mitten ins Gesicht.
Doch der Ballwechsel geht vorüber.
Und der nächste beginnt.
Innerhalb dieses Gedankenexperiments spielt es keine Rolle, ob wir Tennis mögen. Wir befinden uns bereits auf dem Platz.
Wir können natürlich beschließen, nicht ernsthaft zu spielen. Wir können den Schläger beiseitelegen, uns am Spielfeldrand in die Sonne setzen, einen Cocktail trinken, Serien anschauen, Musik hören, Besitz anhäufen, Bekanntschaften schließen, Beziehungen eingehen und uns möglichst angenehm auf dem Gelände des Turniers einrichten.
Daran ist zunächst nichts Verwerfliches.
Es kann sogar ausgesprochen schön sein.
Nur eines geschieht dadurch nicht:
Wir lernen nicht spielen.
Das ist in dieser Analogie das Dasein des Weltmenschen. Er versucht vor allem, es sich innerhalb von Saṃsāra möglichst angenehm einzurichten. Er fragt: Wie kann ich auf diesem Tennisplatz ein möglichst schönes Leben führen?
Der Pfadgänger beginnt eine andere Frage zu stellen:
Wie lerne ich dieses Spiel?
Damit verändert sich alles.
Die Entscheidung, Spieler zu werden
Der entscheidende Wendepunkt besteht nicht darin, dass der Mensch plötzlich ein Meister wäre. Er besteht lediglich darin, dass er sich entscheidet, einer werden zu wollen.
Er nimmt den Schläger in die Hand.
Er trainiert zunächst dreimal in der Woche. Er lernt die Grundschläge, beobachtet seine Fehler und beginnt, erste Zusammenhänge zu verstehen. Manche Ballwechsel gelingen plötzlich besser. Er gewinnt erste Matches.
Das erfüllt ihn mit Freude.
Doch mit wachsender Erfahrung erkennt er etwas Entscheidendes: Das Niveau, das ihn bis hierher gebracht hat, wird ihn nicht bis zum Ende des Turniers tragen.
Also verändert er sein Leben.
Er trainiert regelmäßiger. Er studiert Technik und Taktik. Er beschäftigt sich mit Konzentration, Kondition und Sportpsychologie. Er beobachtet erfolgreiche Spieler. Er erkennt seine Schwächen und arbeitet gezielt an ihnen.
Er bemerkt, dass bestimmte Gewohnheiten seine Leistungsfähigkeit beeinträchtigen. Also verändert er seine Ernährung, seinen Schlaf oder seinen Lebensrhythmus. Er gibt manches auf, was ihm früher selbstverständlich erschien.
Nicht weil Genuss böse wäre.
Sondern weil ihm etwas anderes wichtiger geworden ist.
Das ist Vairāgya in einer sehr praktischen Form: Nicht die verbitterte Ablehnung der Welt, sondern die natürliche Neuordnung der Prioritäten, nachdem ein höheres Ziel erkannt wurde.
Die Gegner werden stärker
Mit zunehmender Entwicklung geschieht etwas Merkwürdiges: Die Spiele werden nicht unbedingt leichter.
Die Gegner werden stärker.
Das kann zunächst entmutigend wirken. Der Spieler trainiert jahrelang – und trotzdem muss er sich immer größeren Herausforderungen stellen.
Genau darin liegt der Sinn des Turniers.
Ein Anfänger wird durch einen einfachen Aufschlag geprüft. Ein fortgeschrittener Spieler durch einen präzisen Return. Ein Meister durch Gegner, die seine Schwächen kennen und sie gnadenlos anspielen.
So kann auch das Leben betrachtet werden.
Ein Konflikt, eine Enttäuschung, eine Versuchung, eine Kränkung oder eine unerwartete Veränderung ist dann nicht nur ein lästiges Hindernis auf meinem spirituellen Weg.
Es ist ein Ball, der über das Netz kommt.
Und plötzlich lautet die entscheidende Frage nicht mehr:
Warum geschieht mir das?
Sondern:
Wie spiele ich diesen Ball?
Verliere ich meine Mitte?
Reagiere ich automatisch?
Werde ich von Angst, Ärger oder Begierde fortgerissen?
Oder kann ich wahrnehmen, was geschieht, ohne mich vollständig damit zu identifizieren?
Jeder schwierige Ballwechsel zeigt mir, wo mein Training tatsächlich steht.
Nicht die Meditation in einem stillen Raum allein zeigt die Stabilität des Sākṣī Bhāva. Entscheidend ist auch, was geschieht, wenn ein unerwarteter Ball mit hoher Geschwindigkeit auf mich zukommt.
Dann zeigt sich, ob aus Erkenntnis bereits Haltung geworden ist.
Auch Niederlagen gehören zum Turnier
Wer dieses Bild ernst nimmt, muss auch lernen, Niederlagen anders zu betrachten.
Manchmal verliere ich einen Ballwechsel, obwohl ich es besser wusste.
Ich lasse mich provozieren.
Ich verfalle in ein altes Muster.
Ich verschwende Stunden meiner Aufmerksamkeit.
Ich identifiziere mich vollständig mit einer Emotion.
Ich werde wieder für einige Zeit zum Jīva, der sein Drama für die ganze Wirklichkeit hält.
Das ist kein Grund, den Schläger wegzuwerfen.
Ein guter Spieler analysiert den Punkt.
Was ist geschehen?
Wo stand ich falsch?
Welchen Ball habe ich zu spät erkannt?
Welche meiner Schwächen wurde angespielt?
Was kann ich trainieren?
Damit verändert sich sogar die Bedeutung des Scheiterns. Ein verlorener Punkt wird zu Information.
Das Leben beginnt dadurch, den Charakter eines großen Entwicklungsabenteuers anzunehmen.
Nicht jedes unangenehme Ereignis muss verhindert werden. Nicht jede Schwierigkeit ist ein Unglück. Manche Situationen besitzen gerade deshalb einen hohen Wert, weil sie etwas in uns sichtbar machen, das in ruhigen Zeiten verborgen geblieben wäre.
Das Leben wird zum Trainingsplatz.
Von Runde zu Runde
Wahrscheinlich scheidet der Spieler zunächst immer wieder in der ersten Runde aus.
Doch er trainiert weiter.
Irgendwann erreicht er regelmäßig die zweite Runde.
Dann das Viertelfinale.
Dann das Halbfinale.
Eines Tages steht er im Finale.
Und möglicherweise verliert er auch dieses.
Also trainiert er weiter.
Bis schließlich jener Tag kommt, an dem er das Turnier gewinnt.
Übertragen auf den spirituellen Weg bedeutet dies: Keine ernsthafte Bemühung ist verloren. Jeder Augenblick wirklicher Achtsamkeit, jede überwundene Identifikation, jeder Moment von Viveka, jede bewusste Entscheidung für Śreya statt Preya verändert die innere Ausrichtung.
Gerade dies ist eine hilfreiche Weise, das Leben zu betrachten:
Jeder Ballwechsel kann mich zu einem besseren Spieler machen.
Dann muss ich nicht darauf warten, dass das Leben endlich meinen Vorstellungen entspricht. Ich kann mit dem arbeiten, was über das Netz kommt.
Ein leichter Ball?
Spiele ihn aufmerksam.
Ein schwieriger Ball?
Spiele ihn aufmerksam.
Ein scheinbar unfairer Ball?
Auch ihn.
Ein wunderbarer Ballwechsel voller Schönheit, Liebe und Freude?
Genieße ihn – aber vergiss darüber das Spiel nicht.
Sportsmanship auf dem spirituellen Weg
Dabei darf die Ernsthaftigkeit des Trainings niemals mit Verbissenheit verwechselt werden.
Ein Pfad ohne Freude wäre ein merkwürdiger Weg zur Freiheit.
Wir dürfen lachen. Wir dürfen Schönheit genießen. Wir dürfen Freundschaften schließen, lieben, staunen, spielen und uns über einen gelungenen Ball freuen.
Entscheidend ist nicht, dass wir das Leben ablehnen.
Entscheidend ist, dass wir uns nicht darin verlieren.
Und wir sollten unsere Sportsmanship bewahren.
Andere Menschen sind keine Feinde. Sie sind Mitspieler innerhalb desselben großen Geschehens. Manche spielen vielleicht bereits hervorragend, andere haben den Schläger gerade erst entdeckt, und manche sitzen noch am Spielfeldrand und fragen sich, weshalb überhaupt jemand bei dieser Hitze Tennis spielen möchte.
Es besteht kein Grund zur Überheblichkeit.
Wer heute einen schwierigen Ball souverän spielt, kann morgen einen einfachen verschlagen.
Darum gehören Demut, Fairness, Mitgefühl und Humor ebenso zum Pfad wie Disziplin und Entschlossenheit.
Spielen um des Spielens willen
Und schließlich enthält die Analogie noch ein Paradox.
Das erklärte Ziel ist der Turniersieg – Mokṣa.
Doch wer bei jedem Schlag ausschließlich an den Pokal denkt, wird vermutlich schlecht spielen.
Der gute Spieler ist beim Ball.
Jetzt.
Dieser Aufschlag.
Dieser Return.
Dieser Atemzug.
Dieser Augenblick.
So besitzt das große Ziel zwar eine Richtung gebende Funktion, doch die unmittelbare Motivation sollte immer stärker intrinsisch werden. Ich übe Achtsamkeit nicht nur, weil irgendwann eine Belohnung namens Mokṣa auf mich wartet. Ich übe sie, weil Wachheit bereits jetzt freier ist als Unbewusstheit. Ich kultiviere Sākṣī Bhāva, weil Nichtidentifikation bereits jetzt Frieden bedeutet.
Der Weg beginnt dadurch, seinen Wert in sich selbst zu tragen.
Vielleicht liegt darin sogar die tiefste Wendung dieser Analogie.
Am Anfang glaubt der Spieler, er müsse unbedingt einen großen Pokal gewinnen.
Später entdeckt er seine Liebe zum Spiel.
Und noch später könnte er erkennen, dass die ganze Vorstellung eines Spielers, der irgendwann etwas gewinnen muss, selbst nur eine vorläufige Konstruktion gewesen ist.
Denn aus der höchsten Perspektive des Advaita Vedānta bin ich weder der Spieler noch der Ball noch der Gegner.
Ich bin das Bewusstsein, in dem das gesamte Turnier erscheint.
Doch solange ich mich für den Spieler halte, will ich lernen, gut zu spielen.
Deshalb nehme ich den Schläger jeden Morgen erneut in die Hand.
Ich trainiere.
Ich spiele.
Ich gewinne Punkte und verliere Punkte.
Ich lerne.
Ich falle zurück und beginne erneut.
Ich begegne stärkeren Gegnern und entdecke dadurch neue Kräfte.
Und vielleicht kann gerade diese Haltung dem spirituellen Weg etwas von jener Abenteuerlust zurückgeben, die ihm manchmal durch übermäßige Schwere genommen wird.
Das Leben ist dann nicht mehr bloß eine Folge von Problemen, die irgendwie bewältigt werden müssen.
Es wird zu einem gewaltigen Entwicklungsprozess.
Zu einem Spielfeld der Erkenntnis.
Zu einer Schule der Freiheit.
Und jeder neue Ball, den das Leben über das Netz schlägt, trägt eine unausgesprochene Einladung in sich:
Zeig, was du gelernt hast.
Dieses Bild ist kein Bestandteil der klassischen Lehre des Advaita Vedānta. Es ist ein persönliches Gedankenexperiment, das mir hilft, meinen Fokus auf den Pfad zu richten und mein Dasein bewusst als Pfadgänger zu führen.
Vielleicht vermag es auch anderen einen nützlichen Impuls zu geben.
Nicht das ganze Turnier muss heute gewonnen werden.
Es genügt, diesen einen Ball bewusst zu spielen.