Das Wesen des Pfades

Der Pfad
Wenn der Pfad nicht Dein gesamtes Leben auf den Kopf stellt und Dich nicht in sämtlichen Aspekten Deines Wesens verändert, dann ist es nicht der Pfad.
Wenn Dich das weltliche Getue weiterhin davon abhält, Dich Deinem spirituellen Ziel zu nähern, bist Du auf einem anderen Weg unterwegs.
Wer den Pfad zu den spirituellen Höhen beschreitet, lässt die alten Straßen hinter sich, die im Tal im Kreis verlaufen. Die sich ständig wiederholenden, kurzen Momente der sinnlichen Genüsse reichen nicht mehr aus, den Wanderer in den niederen Gefilden zu halten. Den Pfad zu betreten erfordert Mut und Überwindung. Der Wanderer stellt sich gegen die Masse und gerät dadurch in Gefahr, geächtet und aus der Gemeinschaft – der Sippe – verbannt zu werden.
Die sinnstiftenden und gemeinschaftsfördernden Rituale der Herde dienen niemals dem Aufstieg, sondern trachten danach, die Mitglieder auf Kurs zu halten – was aus evolutionär-biologischer Sicht durchaus vernünftig ist. Doch um das wahre Selbst, sat-chit-ananda, in sich zu realisieren und das Menschsein zu transzendieren, muss sich der Sadhaka dieser Einverleibung entziehen und dem Zeremoniell fernbleiben. Das geschieht nicht von heute auf morgen, sondern in einem Prozess, der in unzähligen kleinen Schritten über viele Lebenszeiten hinweg reift.
In der indischen Tradition ist der freiwillige Gang des Suchenden in die Einsamkeit der Wälder tief verwurzelt und wird als Sannyasa bezeichnet. Der Sadhu oder Rishi lässt das weltliche Ego hinter sich, um das höchste Selbst zu finden, das wie ein verborgener Schatz in ihm liegt. Der Schüler muss tief graben, um diese Perle zu heben – sie rollt ihm nicht zufällig vor die Füße. Und wenn er sie gefunden hat, soll er sie hüten und nicht vor die Säue werfen (Mt 7,6).
Der Pfad ist ein Weg durch Krisen, durch innere und äußere Turbulenzen. Er führt durch Slums und Schlachtfelder, doch er ist der einzige Weg, der aus dem Jammertal hinausführt und zum Sieg auf dem Schlachtfeld des Lebens verhilft. Wer ihn geht, bleibt von den Angriffen Samsaras nicht verschont, aber er übersteht sie unbeschadet.
Die Samsara-Matrix und ihre manifestierten Schergen setzen alles daran, den Suchenden von seiner spirituellen Mission abzubringen und ihn in ihrem Machtbereich zu halten. Samsara ist der Verführer – die Schlange im vermeintlichen Paradies –, die uns auf falsche Fährten lockt und zu unheilvollen Entscheidungen verführt. In Mythen, Märchen und Religionen tritt sie als Teufel oder Satan auf – das Prinzip des Widerstands, dem der Gerechte begegnet. Doch das Neue Testament lehrt, diesen Widersacher mit seinen Versuchungen ins Leere laufen zu lassen, während man selbst unbeirrt auf dem rechten Pfad verweilt.
Die Versuchungen lauern in Samsara an allen Ecken. Nirgends ist man davor gefeit. Diese Welt ist ein Minenfeld, und wir laufen in jedem Augenblick Gefahr, unser Ziel zu verlieren, wenn wir nicht den Fokus darauf gerichtet halten. Der Pfad führt durch die Samsara-Matrix aus der Samsara-Matrix. Er ist ein Befreiungsweg, ein Weg der Heilung und Transformation.
Wer den Pfad wandert, lässt die Illusion des irdischen Treibens hinter sich, weil er die virtuelle Natur Samsaras durchschaut hat. Der Wanderer lässt sich nicht länger in das weltliche Hickhack verstricken und vom Brot-und-Spiele-Theater fesseln. Samsara gleicht einem Zwinger, der Dein gottgleiches Potenzial als reines Bewusstsein auf den Handlungsspielraum eines Tigers im Tiergarten reduziert.
Möchtest Du weiter hinter Gitterstäben im Kreis laufen – oder willst Du der Enge des Zoos entkommen und die Freiheit, Moksha (मोक्ष), erlangen?
Der Pfad zeigt Dir den Weg und hält die Schlüssel bereit, die Dich aus dem Gehege entlassen.
Er verlangt, dass Du Dein Gewahrsein auf das Hier und Jetzt fokussierst. Er fordert eine durchgängige Form der Meditation im Alltag. Du bist Dir dann Deiner Gedanken, Worte und Handlungen in jedem Augenblick bewusst. Wenn Du auf dem Pfad wanderst, bist Du Dir bewusst, eben dieses Bewusstsein zu sein – nicht der Körper, die Gedanken oder Gefühle, sondern das reine Bewusstsein, in dem Körper, Welt, Gedanken und Gefühle als mentale Phänomene erscheinen und wahrgenommen werden.
Der Schüler des Pfades lässt sein peripheres Gewahrsein auf der Ebene des höheren Bewusstseins ruhen, während sein Fokus im gegenwärtigen Augenblick verankert bleibt.
Wer sich konsequent auf dem Pfad befindet, erkennt Welt und „Ich“ als virtuelle Konstrukte, die der Geist erschafft und die nur im Inneren existieren. Er identifiziert sich nicht länger mit dem imaginären Ich und verstrickt sich nicht mehr in das fiktive Drama des Weltgeschehens.
Obwohl der Wanderer die Welt als virtuell durchschaut, erachtet er sie nicht als bedeutungslos. Sie ist ein Trainingssimulator – wie jene Geräte, mit denen Piloten gefahrlos üben, herausfordernde Situationen zu meistern und daran zu wachsen.
Der Wanderer auf dem Pfad „ist in der Welt, aber nicht von der Welt“ (Joh 17).
Es existiert nichts in der Welt, das es für ihn lohnen würde, es zu seinem höchsten Ziel zu erklären. Denn er weiß, dass jedes Gut flüchtig und vergänglich ist und er sich spätestens auf dem Totenbett davon trennen müsste.
Er differenziert zwischen dem ewigen Atman (Bewusstsein) und dem temporären Anatman (Inhalt des Bewusstseins) und entscheidet sich, den Pfad zu beschreiten, der nach innen und nach oben führt. Der Wanderer empfindet weder Nostalgie noch Reue oder Scham angesichts der Vergangenheit, noch hegt er Besorgnis oder Hoffnung in Bezug auf die Zukunft. Er befindet sich im Jetzt und nimmt das Geschehen wertfrei an.
Eine große Herausforderung liegt darin, sich nicht vom Ego überrumpeln zu lassen – nicht in die Falle des spirituellen Hochmuts zu tappen und sich fortgeschrittener zu glauben als andere. Solange der entscheidende Schritt aus der Dualität noch nicht gesetzt ist, bleibt der Wanderer in den Kategorien von Konkurrenz und Vergleich gefangen. Nichts könnte weniger spirituell sein.
Wahrer Erfolg bedeutet, diese geistigen Modelle zu überwinden. Erwachen heißt, die Substanzlosigkeit des Egos zu durchschauen und es hinter sich zu lassen – ohne ihm durch Aufmerksamkeit und Energie neue Kraft zu verleihen. Denn das Ego ist der Ballast, der den spirituellen Höhenflug vereitelt.
Die Heldenreise ist keine Konkurrenz, kein Wettlauf gegen andere – sie ist eine Expedition in unser tiefstes Inneres.