36: Durch Triebe und Nöte gefesselt
Diese Welt mit ihren Fängen
Mit ihrer Verführung, ihren Zwängen
Schürt meinen Zorn, schürt mein Verlangen
Hält mich in ihrem Schlund gefangen
Durch Triebe und Nöte gefesselt
Von Dämonen eingekesselt
Laufe ich nun seit Äonen
Im Kreis im Theater der Illusionen
Lass mich vom irren Drama betören
Von dessen Inszenierung verstören
Bereit zu hassen und zu lieben
Jede Sau, die durch das Dorf getrieben
Gierig stürzt‘ ich mich ins Geschehen
Selten nur konnte ich widerstehen
Gab mich hin dem lieblichen Klang
Folgte betäubt dem Sirenengesang
Fremdbestimmt, wie ferngesteuert
Hab ich im Samsara angeheuert
Drehte zahllose leidvolle Runden
Bis ich den Pfad der Befreiung gefunden
Dieser Pfad ist es, den ich nun gehe
Damit ich keine weitere Runde drehe
Ich verlasse die Gefängniszelle
Kehre zurück zur göttlichen Quelle
Das Gedicht beschreibt in symbolischer Sprache den inneren Zustand des Menschen in Samsara – dem Kreislauf von Verstrickung, Begehren, Handlung und Wiederholung. Es zeichnet das Bild eines Wesens, das sich über unzählige Erfahrungen hinweg immer wieder in derselben Bühne wiederfindet: im großen Schauspiel der Welt.
Am Anfang steht die Erfahrung der Gefangenschaft. Die Welt erscheint hier nicht als neutrale Bühne, sondern als ein Geflecht aus Verführung und Zwang. Sie lockt mit Versprechen von Lust, Bedeutung und Identität, während sie zugleich bindet. Diese beiden Kräfte – Anziehung und Abstoßung – sind die Grundmechanismen von Samsara. Zorn und Verlangen entstehen aus derselben Quelle: der Identifikation mit dem Drama.
Der Mensch reagiert auf das, was ihm begegnet. Er wird hineingezogen in Konflikte, Meinungen, Rollen und Emotionen. Das Gedicht zeigt eindrucksvoll, wie leicht man Teil dieser Dynamik wird: Man liebt und hasst, ergreift Partei, folgt den Aufregungen des Tages. Jede neue Geschichte, jede neue Empörung, jede neue Leidenschaft zieht Aufmerksamkeit an sich und verstärkt die Illusion, dass das Drama wichtig und real sei.
Doch unter dieser Oberfläche verbirgt sich eine tiefere Erkenntnis: Das Theater der Welt lebt davon, dass seine Schauspieler vergessen haben, dass sie Schauspieler sind.
Der Mensch stürzt sich in das Geschehen, weil er glaubt, darin etwas finden zu können – Erfüllung, Anerkennung, Sicherheit. Doch je intensiver er sich darin verliert, desto stärker wird die Erfahrung von Fremdbestimmung. Das Gedicht spricht hier von einem Zustand, der fast wie eine Fernsteuerung wirkt. Genau das ist ein zentrales Motiv vieler spiritueller Traditionen: Der gewöhnliche Mensch hält sich für frei, während seine Gedanken, Wünsche und Reaktionen weitgehend von Konditionierungen gesteuert werden.
So entstehen die „zahllosen leidvollen Runden“. Nicht nur als tatsächliche Wiedergeburt, sondern auch im unmittelbaren Sinn des Lebens: dieselben Muster, dieselben Konflikte, dieselben inneren Kämpfe, die sich immer wieder wiederholen.
Samsara ist weniger ein Ort als ein Mechanismus der Wiederholung.
Der Wendepunkt im Gedicht liegt daher nicht in einem äußeren Ereignis, sondern in einer Erkenntnis. Irgendwann wird sichtbar, dass das Drama nicht gelöst werden kann, solange man selbst Teil seiner Handlung bleibt. Die Befreiung beginnt in dem Moment, in dem der Mensch erkennt, dass er nicht das ist, was er bisher zu sein glaubte: nicht die Rolle, nicht die Emotion, nicht die Geschichte.
Hier erscheint der „Pfad der Befreiung“. Dieser Pfad ist kein Fluchtweg aus der Welt im äußeren Sinn. Vielmehr ist er eine radikale Verschiebung der Perspektive. Der Mensch beginnt zu erkennen, dass er nicht im Kern der Gefangene ist, sondern derjenige, der die Gefangenschaft wahrnimmt.
Die „Gefängniszelle“ besteht letztlich aus Identifikation: mit Gedanken, mit Begierden, mit gesellschaftlichen Rollen und inneren Geschichten. Sobald diese Identifikation durchschaut wird, beginnt sich die Struktur der Gefangenschaft aufzulösen.
Die Rückkehr zur „göttlichen Quelle“ ist daher kein Weg zu einem neuen Ort. Es ist ein Erinnern. Eine Rückkehr zu dem, was immer schon vorhanden war – das stille, unveränderliche Bewusstsein, in dem all diese Erfahrungen erscheinen und wieder vergehen.
Das Gedicht beschreibt somit nicht nur einen persönlichen inneren Wandel, sondern einen universellen Prozess:
Der Mensch erkennt zuerst seine Verstrickung.
Dann erkennt er die Mechanismen der Illusion.
Schließlich entdeckt er den Weg der Befreiung.
Dieser Weg ist kein spektakulärer Triumph, sondern ein stiller Austritt aus dem Spiel. Während das Theater weiterläuft, tritt derjenige, der erwacht, aus seiner Rolle heraus.
Die Welt mag weiterhin ihre Dramen inszenieren – doch für den, der die Quelle wiedergefunden hat, verliert das Gefängnis seine Mauern.