38: Du selbst warst Dir im Traum der Feind
Es entbrennt ein Kampf gegen Schatten
Ein Scheingefecht geht hier vonstatten
Seit ewig langen Zeiten schon
Führst Kriege Du in der Simulation
Mit Schwert ziehst Du und mit Schilde
In einen Feldzug gegen Traumgebilde
Du zückst die Waffe zum Duell
Doch Dein Gegner ist bloß virtuell
Der Feind, den Du zu bekämpfen weißt
Existiert alleine in Deinem Geist
Du hältst seinen Angriff tapfer im Zaum
Bist Du erwachst aus Deinem Traum
Du selber warst Dir im Traum der Feind
Warst mit ihm auf derselben Bühne vereint
Ein Bewusstsein – nichts sonst jemals war
Bewusstsein, das in sich die Welt gebar
Was sollst Du also mit mir streiten
Bewusstsein bist Du doch ohne zweiten
Doch solange Du Dich aufgespalten
Wirst Du es mit dem Streiten halten
Was du erlebst, gleicht einem Traum. In ihm wirkt alles wirklich: die Bedrohung, der Gegner, der Kampf. Du reagierst, als stünde alles auf dem Spiel. Du verteidigst dich, greifst an, hältst stand. Und doch – wenn du aus einem Traum erwachst, erkennst du sofort: Nichts davon war je außerhalb von dir geschehen.
Genau darauf weist dieses Gedicht hin. Der Kampf gegen Schatten, das Scheingefecht – es beschreibt einen Zustand, in dem du dich befindest, solange du den Traum nicht als Traum erkennst. Die „Simulation“, von der die Rede ist, ist kein technisches Bild, sondern ein inneres: eine Wirklichkeit, die real erscheint, aber keinen eigenen Bestand hat.
Im Traum ziehst du in den Krieg, begegnest Feinden, spürst Angst oder Mut. Aber sowohl der Kämpfer als auch der Feind entstehen aus demselben Geist. Es gibt keine zweite Instanz. Alles, was geschieht, ist Ausdruck ein und desselben Bewusstseins.
So ist es auch hier: Der Gegner, gegen den du kämpfst, existiert nur in deinem Geist. Seine Angriffe fühlen sich echt an, doch sie haben keine eigenständige Quelle. Du hältst sie im Zaum, ringst mit ihnen – aber dabei bleibst du im Traum gefangen, weil du ihn für Wirklichkeit hältst.
Der entscheidende Wendepunkt liegt nicht im Sieg über den Feind, sondern im Erwachen. Im Traum kannst du tausend Kämpfe gewinnen und bleibst dennoch im Traum. Erst wenn du erkennst, dass du träumst, verliert der Kampf seine Bedeutung.
Das Gedicht geht noch einen Schritt weiter: Du warst selbst der Feind. Nicht als moralische Aussage, sondern als Hinweis auf Einheit. Der, der kämpft, und das, was bekämpft wird, sind nicht getrennt. Sie erscheinen nur so, wie Figuren in einem Traum voneinander getrennt erscheinen.
Wenn du erwachst, verschwindet nicht nur der Feind – auch der Kämpfer löst sich auf. Was bleibt, ist das Bewusstsein, in dem all das erschienen ist. Ein Bewusstsein ohne Gegenüber, ohne zweiten Pol.
Und doch: Solange du dich als getrennt erlebst, wird der Kampf weitergehen. Wie in einem Traum, in dem du noch nicht weißt, dass du träumst. Das ist kein Fehler, sondern Teil der Erfahrung.
Aber vielleicht beginnt genau hier etwas Neues:
Ein leises Hinterfragen.
Ein erstes Erkennen:
Was, wenn das alles ein Traum ist?
Und wer bist du dann – innerhalb dieses Traums? Oder jenseits von ihm?