37: Zu verlassen samsarisches Gaukelspiel

In diesem üblen Traum gefangen
Aus dieser Illusion gelangen
Ist nun mein höchstes Daseins-Ziel
Zu verlassen samsarisches Gaukelspiel

Diese Persona, ihre Biografie
Das bin ich nicht und war ich nie
Mächtig war die Illusion
Allein durch Identifikation

Im Traum durch ein Labyrinth gerannt
In eine virtuelle Welt verbannt
Hab mich in einem Traum verloren
Wurd stets wieder in ihn hinein geboren

Samsara, wahrhaft ein raues Pflaster
Voll von Schändlichkeit und Laster
Beherrscht vom Krieg und vom Verrat
So betrete ich den edlen Pfad

Lass dieses Elend hinter mir
In dem lange ich hauste wie ein Tier
Den niederen Trieben Untertan
Wandelnd im dumpfen Sinnenwahn

Doch ist dieser Wahn nun überwunden
Den Pfad hinaus hab ich gefunden
Leer die Gelüste, denen einst ich verfiel
Ohne Reiz nun das irdische Spiel

Kein dauernd Glück wird mir darin beschieden
Finde in ihm nicht den wahrhaften Frieden
Verlangen nach Freiheit wird stärker und stärker
So verlasse ich nun diesen leiblichen Kerker

Im Zuge des Daseins, das ich erfahre
Im Laufe meiner Lebensjahre
Nähere ich mich meinem höchsten Sinn
Werd ich langsam zu dem, der ich wahrhaft bin

Bewohner bin ich nicht dieser Sphäre
Eine Etappe ist‘s bloß, eine temporäre
Ich stecke nicht in diesem Ich
Auf Durchreise bin ich lediglich

Zu lang hab ich mich aufgehalten
Mich verloren in Mustern und Gestalten
Mich im irdischen Drama verfangen
Konnt lange nicht hinausgelangen

Doch nun stehe ich an der Schwelle
Ich tret aus der finsteren Zelle
Löse mich von der Form, von der Hülle
Zurück kehr ich zur ewigen Fülle

Zum Ganzen, das ich bin von Natur
Virtuell waren die Rollen, die ich erfuhr
Oftmals gespielt in der Gosse Dreck
Erfüllten sie alle doch ihren Zweck

Mich zu leiten in höhere Sphären
Zum Hofe des Vaters zurückzukehren
Zu beenden dies weltliche Spiel
Zu verlassen das grausame Exil

Dieses Gedicht zeichnet den inneren Wendepunkt eines Menschen nach, der erkennt, dass sein gesamtes bisheriges Dasein auf einer Verwechslung beruht. Es ist nicht einfach eine Klage über die Welt, sondern die klare Einsicht in ihren ontologischen Status: das Erkannte ist nicht das Erkennende. Was hier als „üble Traumwelt“ beschrieben wird, ist nicht nur eine Ansammlung leidvoller Erfahrungen, sondern die grundlegende Fehlidentifikation mit dem, was erscheint – Körper, Geist, Geschichte, Rolle.

Der Leser wird eingeladen, diese Einsicht nicht als abstrakte Philosophie zu betrachten, sondern als unmittelbare Möglichkeit im eigenen Erleben. Die „Persona“ mit ihrer Biografie wirkt nur deshalb so wirklich, weil sie ununterbrochen geglaubt wird. Die Macht der Illusion liegt nicht in ihrer Substanz, sondern in der Identifikation. Genau hier setzt die Wende an: Nicht durch Veränderung der Welt, sondern durch das Durchschauen des Irrtums verliert sie ihre bindende Kraft.

Das Bild des Labyrinths vertieft diese Erfahrung. Es beschreibt die rastlose Bewegung innerhalb eines Systems, das keinen wirklichen Ausgang bietet, solange man sich in ihm als Handelnder versteht. Jede Suche innerhalb des Traums bleibt Teil des Traums. Erst das Erwachen selbst – das Erkennen der eigenen Natur als das, was das Labyrinth überhaupt erst erscheinen lässt – öffnet den scheinbaren Ausweg.

Dabei wird Samsara nicht beschönigt. Es erscheint rau, widersprüchlich, oft von niederen Impulsen bestimmt. Doch diese Beschreibung dient nicht der moralischen Abwertung der Welt, sondern der Nüchternheit. Der Leser erkennt darin möglicherweise eigene Erfahrungen wieder: das Getriebensein, die Unruhe, die nie erfüllten Versprechen des äußeren Glücks. Gerade diese Ehrlichkeit bereitet den Boden für eine tiefere Einsicht – dass das Gesuchte in diesem Spiel nicht gefunden werden kann, weil es nie darin enthalten war.

Der „edle Pfad“, von dem die Verse sprechen, ist daher kein äußerer Weg. Er ist eine innere Klärung, ein allmähliches Abfallen von falschen Zuschreibungen. Wenn die Gelüste „leer“ werden und das Spiel „ohne Reiz“, dann ist das kein Verlust, sondern eine Befreiung von Projektionen. Die Welt verliert ihre zwingende Bedeutung, weil sie nicht mehr als Quelle von Erfüllung missverstanden wird.

Besonders bedeutsam ist die Verschiebung der Identität: vom Bewohner dieser Welt hin zum Durchreisenden. Diese Perspektive verändert alles. Sie nimmt dem Leben nicht seinen Ausdruck, aber seine Schwere. Erfahrungen dürfen geschehen, ohne dass sie das Selbst definieren. Rollen werden gespielt, ohne dass sie geglaubt werden müssen.

Die Schwelle, von der am Ende die Rede ist, markiert keinen spektakulären Übergang, sondern eine stille, aber radikale Einsicht: dass das, was gesucht wurde, nie verloren war. Die „ewige Fülle“ ist kein Ziel in der Zukunft, sondern die Natur dessen, der hier liest. Das Zurückkehren ist daher kein Werden, sondern ein Erkennen.

So wirkt das Gedicht wie ein Spiegel. Es zeigt nicht nur einen individuellen Weg, sondern eine universelle Möglichkeit: das Ende der Verstrickung durch das klare Sehen. Was bleibt, ist nicht eine neue Geschichte, sondern das, was jenseits aller Geschichten immer schon gegenwärtig ist.

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