Traum auf Traum – Über Reinkarnation, Bewusstsein und die Illusion des Ichs

Ich glaubte schon immer an Reinkarnation. Doch im Laufe der Zeit hat sich mein Verständnis davon grundlegend gewandelt. Früher stellte ich mir Wiedergeburt wie einen Übergang vor: als würde ein beständiges Ich nach dem Tod einen Körper verlassen und später einen neuen betreten — wie ein Wanderer, der lediglich das Gewand wechselt. Heute erscheint mir diese Vorstellung zu grob, zu sehr innerhalb der Perspektive der Person gedacht.

Denn wenn sowohl das Ich als auch die Welt lediglich Erscheinungen im Bewusstsein sind, dann gilt dies nicht nur für dieses eine Leben, sondern für den gesamten Strom aller Geburten und Todeserfahrungen. Wenn bereits die gegenwärtige Episode nur eine Erscheinung innerhalb des Bewusstseins ist, dann ist die gesamte Serie der Leben nichts anderes als ein fortlaufendes Spiel von Erscheinungen. Nicht die einzelne Folge ist letztlich unwirklich — die ganze Staffel ist es.

Das verändert den Blick auf Reinkarnation vollkommen.

Wir sind nicht die Figur innerhalb der Geschichte. Wir sind auch nicht die Summe vieler Figuren aus vielen Leben. Wir sind das unveränderte Bewusstsein, das die gesamte Abfolge von Leben wahrnimmt — so wie ein Zuschauer eine Serie betrachtet. Die Charaktere entstehen, handeln, leiden, lieben, sterben und verschwinden wieder. Doch der Betrachter bleibt derselbe. Er tritt niemals wirklich in die Handlung ein, und dennoch scheint er durch Identifikation mit dem Helden jede Freude und jeden Schmerz mitzuerleben.

So haben wir als Bewusstsein nicht wirklich „den Körper gewechselt“. Vielmehr hat das Bewusstsein innerhalb seiner eigenen grenzenlosen Möglichkeiten immer neue Erfahrungsräume hervorgebracht. Jede Existenz ist eine neue Projektion innerhalb desselben Bewusstseinsfeldes — eine neue Traumlandschaft, eine neue Perspektive, ein neuer Mittelpunkt des Erlebens.

Zwei Leben unterscheiden sich letztlich nicht grundlegend voneinander — genauso wenig, wie sich zwei nächtliche Träume grundsätzlich unterscheiden. In einem Traum sind wir vielleicht arm, im anderen reich; in einem verfolgt, im anderen verehrt. Doch das träumende Bewusstsein bleibt in allen Träumen dasselbe. Es wird nicht zu den Figuren, obwohl es sie hervorbringt und durch sie erfährt.

So erleben wir Leben auf Leben, wie wir Traum auf Traum träumen.

Das träumende Bewusstsein existiert vor jedem Traum, während des Traums und nach dessen Ende. Es wird durch keinen Traum verletzt, vergrößert oder verändert. Ebenso verhält es sich mit uns als Ātman (आत्मन्) — dem reinen Bewusstsein. Der Ātman wird weder geboren noch stirbt er. Geburt und Tod erscheinen lediglich innerhalb seiner Wahrnehmung, so wie Sonnenaufgänge und Stürme auf einer Leinwand erscheinen, ohne die Leinwand selbst zu berühren.

Aus dieser Sicht ist Reinkarnation nicht die Wanderung einer Seele durch die Zeit, sondern die fortwährende Selbstprojektion des Bewusstseins in immer neue Formen der Erfahrung. Nicht jemand wird wiedergeboren — vielmehr erscheint immer wieder ein „Jemand“ innerhalb des zeitlosen Bewusstseins.

Und vielleicht liegt gerade darin die tiefste Befreiung verborgen: zu erkennen, dass wir niemals wirklich in die Welt eingetreten sind und sie daher auch niemals verlassen müssen.

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