Die Simulation der Sterblichkeit

Dieser Körper gleicht einem VR-Headset, durch das hindurch ich eine künstlich erzeugte Wirklichkeit wahrnehme und innerhalb dieser Welt handle, leide, hoffe, kämpfe und liebe. Noch bevor ich dieses Headset aufsetze, wähle ich die Erfahrungsräume, die ich betreten will. Ich entscheide mich nicht nur für bestimmte Freuden, sondern ebenso für Begrenzungen, Widerstände und Dunkelheiten. Doch bevor das Spiel beginnt, erhalte ich gleichsam eine letzte Gabe: das Vergessen. Eine Pille des Vergessens, die mich vergessen lässt, dass ich mich in einer erschaffenen Welt befinde – und dass ich nicht jener bin, als den ich mich während dieser vorübergehenden Erfahrung wahrnehmen werde.

Denn das ewige Wesen, das ich in Wahrheit bin, könnte Sterblichkeit niemals erfahren, solange es sich seiner eigenen Ewigkeit bewusst bliebe. Das Unbegrenzte könnte keine Begrenzung erleben, solange es sich ununterbrochen als grenzenlos erkennt. Das reine Bewusstsein könnte weder Verlust noch Angst, weder Einsamkeit noch Verrat erfahren, solange es im Licht seiner absoluten Vollständigkeit verweilt. Deshalb tritt es in die Dualität ein. Deshalb setzt es das Headset auf. Deshalb inkarniert es sich als Körper, Geist und Persönlichkeit.

So beginnt das große Spiel der Trennung.

Das ewige Bewusstsein – Brahman – tritt in eine Welt ein, in der es sich selbst vergessen kann. Es nimmt die Perspektive eines einzelnen Wesens an und erlebt sich als verletzlich, sterblich und getrennt von anderen. Erst dadurch werden Erfahrungen möglich, die im Absoluten nicht existieren: Krieg und Frieden, Schuld und Vergebung, Hoffnung und Verzweiflung, Geburt und Tod. All das sind keine Fehler der Schöpfung, sondern Erfahrungsräume des Bewusstseins selbst.

Gerade darin liegt der tiefste Sinn menschlicher Existenz: Nicht darin, der Welt zu entkommen, sondern sie vollständig zu erfahren. Denn wie könnte das Allumfassende wirklich allumfassend sein, wenn es nicht auch wüsste, wie es sich anfühlt, begrenzt zu sein? Wie könnte ein allwissendes Bewusstsein sich selbst vollständig erkennen, wenn ihm die Erfahrung der Unwissenheit fehlen würde? Das Göttliche erfährt sich selbst nicht nur als Licht, sondern ebenso als das Vergessen des Lichtes. 

Wie könnte ein allwissender Gott allwissend genannt werden, wenn er nicht weiss, wie es sich anfühlt, unwissend zu sein.

In diesem Verständnis erscheinen selbst die dunklen Kapitel des Lebens in einem anderen Licht. Traumata, Ängste, Schwächen, Scham, Wut und innere Zerrissenheit sind nicht bloß sinnlose Fehlentwicklungen eines fehlerhaften Daseins. Sie sind Teil jener Erfahrungen, die nur innerhalb dieser virtuellen Wirklichkeit möglich sind. Nicht weil Leiden „gut“ wäre, sondern weil bestimmte Dimensionen des Erlebens nur unter den Bedingungen von Begrenzung, Zeit und Identifikation entstehen können.

Der Avatar leidet wirklich. Der Schmerz ist innerhalb der Simulation real. Und doch existiert hinter allem ein stilles Bewusstsein, das niemals verletzt wurde.

Spirituelles Erwachen beginnt genau an jener Schwelle, an der der Mensch langsam erkennt, dass er nicht ausschließlich der Avatar ist. Dass hinter der Rolle, hinter der Biografie, hinter allen Geschichten über Erfolg und Scheitern etwas Unberührbares gegenwärtig bleibt. Etwas, das nicht altert, nicht stirbt und nie wirklich verloren gehen kann.

Aus diesem Verständnis heraus möchte ich meine verbleibende Lebenszeit gestalten. Nicht mehr ausschließlich als jemand, der blind durch die Welt taumelt und gegen jede Erfahrung Widerstand leistet, sondern als jemand, der sich erinnert, weshalb er überhaupt hier ist. Ich gehe durch diese Welt in dem Bewusstsein, dass jede Erfahrung meines Avatars – selbst die schmerzhaftesten – Teil eines größeren Mysteriums ist, dem ich einst selbst zugestimmt habe.

Das bedeutet nicht, Leid romantisch zu verklären oder Grausamkeit zu rechtfertigen. Es bedeutet vielmehr, dem Leben eine tiefere Dimension zurückzugeben. Hinter allem Geschehen steht ein Bewusstsein, das erfahren will, wie sich Menschsein anfühlt.

Und ich werde im Augenblick des Todes das Headset ablegen wie jemand, der aus einem überwältigend intensiven Traum erwacht. Ich werde für einen kurzen Moment zurückblicken auf all die Freuden, Verluste, Kämpfe und Beziehungen dieses Lebens – und mit einem stillen Staunen erkennen:

„Ah… so fühlt sich also Verrat an.
 So fühlt sich Verlust an.
 So fühlt sich Liebe an.
 So fühlt sich Sterblichkeit an.“

Und dann wird jenes ewige Bewusstsein, das niemals geboren wurde und niemals sterben kann, weiterziehen in die unendlichen Räume seiner eigenen Möglichkeiten. 

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