Samsara – Die spirituelle Sucht des Menschen

Die meisten Menschen verbinden das Wort Samsara mit Wiedergeburt oder einem religiösen Konzept aus den indischen Traditionen. Doch Samsara beschreibt weit mehr als einen Kreislauf von Leben und Tod. Es beschreibt einen Zustand des Bewusstseins, in dem sich nahezu jeder Mensch befindet. Es ist die ständige Bewegung des Geistes, der glaubt, dass das, was ihm jetzt fehlt, durch eine zukünftige Erfahrung gefunden werden kann.

Der Vedanta erklärt, dass die Ursache dieses Zustands Avidyā (अविद्या) ist – Unwissenheit über unsere wahre Natur. Diese Unwissenheit wird jedoch nicht direkt erfahren. Niemand nimmt Avidyā als solche wahr. Wahrgenommen werden lediglich ihre Auswirkungen: Unruhe, Angst, innere Konflikte, Sehnsucht, Frustration, Rastlosigkeit und das Gefühl, dass etwas Wesentliches im Leben fehlt.

Genau hierin liegt die Schwierigkeit. Weil wir die Ursache nicht erkennen, beschäftigen wir uns ausschließlich mit den Symptomen. Wenn Unzufriedenheit auftritt, suchen wir nach Möglichkeiten, sie zu beseitigen. Wir verändern unsere Lebensumstände, suchen neue Beziehungen, neue Projekte, neue Ziele oder neue Formen der Unterhaltung. Für kurze Zeit entsteht oft Erleichterung. Doch früher oder später kehrt dieselbe Unruhe zurück.

Die alten Weisen verglichen dies mit einer medizinischen Behandlung, die lediglich die Symptome bekämpft, während die eigentliche Krankheit bestehen bleibt. Solange die Ursache nicht erkannt wird, kehren die Symptome immer wieder zurück.

Aus der Unwissenheit entsteht das Gefühl, ein unvollständiges Wesen zu sein. Der Mensch identifiziert sich mit seinem Körper, seinen Gedanken, seinen Rollen und seiner persönlichen Geschichte. Daraus entsteht die Vorstellung: „Ich bin noch nicht angekommen. Mir fehlt etwas. Ich muss erst etwas erreichen, besitzen oder erleben, um vollständig zu sein.“

Aus diesem Gefühl des Mangels entsteht der Wunsch. Im Vedanta wird dieser Wunsch als Kāma (काम) bezeichnet. Der Wunsch verspricht Erlösung von der empfundenen Unvollständigkeit. Er flüstert dem Geist zu, dass Glück hinter dem nächsten Ziel wartet. Vielleicht im nächsten Kauf, im nächsten Erfolg, in der nächsten Beziehung oder in der nächsten Anerkennung.

Sobald der Wunsch entsteht, verliert der Geist seinen Frieden. Die Aufmerksamkeit richtet sich nach außen. Es entsteht eine Spannung, die erst nachzulassen scheint, wenn der Wunsch erfüllt wird. Dann tritt für einen kurzen Augenblick Ruhe ein. Viele Menschen glauben nun, dass das erreichte Objekt die Ursache ihres Glücks sei. Doch die vedantische Analyse kommt zu einem anderen Schluss.

Das Glück entstand nicht durch das Objekt. Es entstand dadurch, dass der Wunsch für einen Moment verschwunden war. Mit dem Ende des Wunsches verschwand auch die innere Unruhe. Was übrig blieb, war die natürliche Ruhe des eigenen Wesens. Da dies jedoch nicht erkannt wird, schreibt man die Erfahrung dem Objekt zu und beginnt sofort nach dem nächsten Objekt zu suchen.

Genau hier zeigt sich die suchtartige Natur von Samsara.

Jede erfüllte Begierde hinterlässt eine Spur im Geist. Die Schriften nennen diese Spuren Vāsanās (वासना). Man kann sie als latente Neigungen oder psychische Prägungen verstehen. Sie wirken wie unsichtbare Programme im Hintergrund unseres Denkens. Je häufiger ein bestimmtes Muster wiederholt wird, desto stärker wird seine Anziehungskraft.

Der Wunsch führt zur Handlung. Die Handlung erzeugt eine Erfahrung. Die Erfahrung hinterlässt eine Vāsanā. Die Vāsanā erzeugt neue Wünsche. Die neuen Wünsche führen zu neuen Handlungen. So entsteht ein Kreislauf, der sich ständig selbst verstärkt.

Deshalb sagen die Weisen, dass die Freuden der Welt vergänglich sind, die Bindungen jedoch, die sie hinterlassen, bestehen bleiben. Das Vergnügen vergeht, die Gewohnheit bleibt. Die Erfahrung verschwindet, die Prägung setzt sich fort.

In diesem Sinne ähnelt Samsara tatsächlich einer Sucht. Der Süchtige hofft, dass die nächste Dosis ihn endgültig zufriedenstellen wird. Der samsarische Geist hofft, dass die nächste Erfahrung das ersehnte Glück bringt. Beide leben von einer Hoffnung, die sich niemals dauerhaft erfüllt. Die Objekte wechseln, doch die Struktur bleibt dieselbe.

Das Tragische daran ist, dass der Mensch seine eigene Gefangenschaft häufig für Freiheit hält. Er glaubt, frei zu sein, weil er seinen Wünschen folgen kann. Tatsächlich wird er jedoch von ihnen gelenkt. Seine Aufmerksamkeit, seine Entscheidungen und oft sein ganzes Leben kreisen um die Suche nach etwas, das er außerhalb von sich selbst vermutet.

Hier setzt die Lehre des Ashtavakra an.

Der Pfad versucht nicht, Wünsche gewaltsam zu unterdrücken. Er fordert auch keinen Rückzug aus der Welt. Stattdessen lädt er dazu ein, die Mechanik des Geistes bewusst zu beobachten. Sobald ein Wunsch auftaucht, wird die Aufmerksamkeit nicht auf das Objekt gelenkt, sondern auf denjenigen, der den Wunsch wahrnimmt.

Wer bemerkt dieses Verlangen?

Wer nimmt die Unruhe wahr?

Wer beobachtet die Gedanken?

Wer erkennt die Sehnsucht?

Diese Fragen richten den Blick auf den Zeugen, den Sākṣin (साक्षिन्). Während Wünsche kommen und gehen, bleibt dieser Zeuge unverändert. Gedanken erscheinen und verschwinden. Emotionen entstehen und vergehen. Erfolge und Misserfolge wechseln sich ab. Doch das Bewusstsein, das all dies wahrnimmt, bleibt stets gegenwärtig.

Mit der Zeit beginnt eine tiefgreifende Erkenntnis zu reifen. Der Mensch erkennt, dass er nicht die Wünsche ist. Er ist nicht die Unruhe. Er ist nicht die rastlose Suche. Er ist das Bewusstsein, in dem all diese Bewegungen erscheinen.

Dadurch verliert der Kreislauf allmählich seine Macht. Wünsche können weiterhin auftreten. Handlungen können weiterhin stattfinden. Das Leben geht weiter. Doch die Identifikation mit den Bewegungen des Geistes wird schwächer.

Das ist der eigentliche Sinn des Pfades. Er will den Menschen nicht zu einem besseren Suchenden machen. Er will ihn aus der Identifikation mit dem Suchenden befreien.

Denn solange Glück als etwas betrachtet wird, das in der Zukunft gefunden werden muss, bleibt Samsara bestehen. Erst wenn erkannt wird, dass die gesuchte Vollständigkeit niemals verloren war, beginnt die Freiheit.

Der Pfad führt daher nicht zu etwas Neuem. Er führt zurück zu dem, was immer schon gegenwärtig war: dem stillen Frieden des Selbst, der nicht von der Erfüllung eines einzigen Wunsches abhängig ist. Dort endet die Sucht des Werdens. Dort beginnt die Freiheit des Seins. 

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