Die vedantische Analogie des Ozeans

Die Ozean-Analogie gehört zu den kraftvollsten Bildern des Advaita Vedānta, weil sie etwas sichtbar macht, das sich dem Verstand sonst kaum erschließt: die Gleichzeitigkeit von Einheit und scheinbarer Vielfalt. Stelle dir einen unendlichen Ozean vor. Auf seiner Oberfläche erscheinen Wellen. Manche sind klein, manche gewaltig. Manche existieren nur wenige Sekunden, andere länger. Dazu kommen Schaumkronen, Blasen, Wirbel, Strudel, Gischt und feiner Wassernebel. Betrachtet man nur diese Formen, scheint eine unglaubliche Vielfalt zu existieren. Hier eine große Welle, dort eine kleine. Hier ein Strudel, dort eine Blase. Jede Erscheinung scheint ihre eigene Identität zu besitzen. Doch aus der Sicht der Wahrheit besteht keine einzige dieser Erscheinungen aus etwas anderem als Wasser. Die Welle ist Wasser. Der Schaum ist Wasser. Die Blase ist Wasser. Der Strudel ist Wasser. Die Gischt ist Wasser. Niemals existiert eine Welle neben dem Wasser. Sie ist Wasser. Nicht teilweise. Nicht überwiegend. Vollständig. Genau dies ist die Sichtweise des Advaita.

Der Jīva (जीव), das individuelle Wesen, ist wie eine Welle, die sich selbst als getrennt betrachtet. Sie sagt: „Ich bin diese besondere Welle.“ Von diesem Augenblick an beginnen alle Probleme. Nun muss sie größer werden. Sie muss sich behaupten. Sie muss sich mit anderen Wellen vergleichen. Sie fürchtet die hohen Wellen. Sie beneidet die schönen Wellen. Sie möchte länger existieren als andere Wellen. Vor allem aber hat sie Angst vor ihrem Ende. Doch worin besteht ihr Ende? Nur in der Auflösung ihrer Form, nicht in der Auflösung des Wassers. Die Welle stirbt. Das Wasser nicht.

Der große Irrtum besteht darin, dass die Welle ihre Form mit ihrer Wirklichkeit verwechselt. Genau dies geschieht im Alltag. Ein Mensch sagt: „Ich bin Christian. Ich bin alt. Ich bin erfolgreich. Ich bin gescheitert. Ich bin krank. Ich bin glücklich.“ Doch all diese Aussagen beschreiben lediglich die Form der Welle. Sie beschreiben den Körper, die Gedanken, die Gefühle, die Erinnerungen, die Persönlichkeit und die soziale Rolle. Keine dieser Beschreibungen sagt etwas über das wahre Selbst aus. So wie die Höhe einer Welle nichts über das Wasser aussagt.

Nun stelle dir vor, das Wasser selbst könnte sprechen. Es würde niemals sagen: „Ich bin diese Welle.“ Es würde sagen: „Alle Wellen erscheinen in mir.“ Das ist die Perspektive des Brahman. Brahman sieht keine voneinander getrennten Wesen, so wie das Wasser keine Trennung zwischen den Wellen kennt. Die Trennung existiert nur aus Sicht der Wellen.

Im Alltag wird dies immer wieder sichtbar. Ein Mensch beleidigt dich. Sofort reagiert die Welle. Sie fühlt sich angegriffen. Sie verteidigt sich. Sie wird wütend. Doch wenn für einen Augenblick die Identifikation mit der Welle nachlässt, wird etwas Merkwürdiges sichtbar. Da erscheint Ärger. Da erscheinen Gedanken. Da erscheinen Körperempfindungen. Aber das Bewusstsein, in dem all dies erscheint, bleibt unverändert. Es gleicht dem Ozean, der sich nicht verändert, obwohl auf seiner Oberfläche ein Sturm tobt.

Oder denke an einen gewöhnlichen Arbeitstag. Heute wirst du gelobt. Morgen kritisiert. Heute steigt die Welle. Morgen fällt sie. Doch das Bewusstsein, das beide Erfahrungen wahrnimmt, bleibt dasselbe. Die Bewegungen gehören der Welle. Die Unveränderlichkeit gehört dem Wasser.

Die stärkste Angst des Jīva ist die Angst vor dem Verschwinden. Die Welle sieht eine andere Welle zusammenbrechen und sagt: „Eines Tages bin ich dran.“ Das Wasser lächelt darüber. Denn keine Welle hat jemals aufgehört, Wasser zu sein. Vor ihrer Entstehung war sie Wasser. Während ihrer Existenz war sie Wasser. Nach ihrem Verschwinden ist sie Wasser. Wann genau sollte also Wasser sterben?

Dies ist die tiefste Aussage der Upaniṣaden. Das Selbst wird nicht geboren. Das Selbst stirbt nicht. Nur Formen erscheinen und verschwinden.

Eine noch tiefere Betrachtung zeigt jedoch, dass selbst die Aussage „Die Welle besteht aus Wasser“ aus advaitischer Sicht noch nicht ganz korrekt ist. Denn sie klingt so, als gäbe es zwei Dinge: die Welle und das Wasser. In Wirklichkeit gibt es nur Wasser. „Welle“ ist lediglich ein Name für eine bestimmte Erscheinungsform des Wassers. Nimm die Welle weg – was bleibt? Wasser. Nimm den Schaum weg – was bleibt? Wasser. Nimm den Strudel weg – was bleibt? Wasser. Nimm die Person weg – was bleibt? Brahman.

Deshalb sagt die Ashtavakra Gita sinngemäß immer wieder: Der Suchende versucht nicht, eine bessere Welle zu werden. Er erkennt, dass er niemals eine Welle war. Er war immer schon der Ozean. Und selbst das ist noch nicht ganz richtig. Denn auch der Ozean ist nur ein Bild. Die Wirklichkeit ist noch einfacher. Es gibt nur Wasser. Brahman allein. Alles andere sind Namen und Formen (नामरूप – Nāmarūpa), die für eine kurze Zeit erscheinen und wieder verschwinden. Brahman allein ist. Alles andere ist lediglich die vorübergehende Bewegung dessen, was niemals geboren wurde und niemals vergehen kann.

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